Die Geschichten zur Geschichte:
Der Wettin-Denkstein (Weiberstein) bei Serkowitz

Zum Gedenken an die Errettung Friedrich August des Gerechten vor 220 Jahren

  Der Denkstein wurde am 18. Oktober 1884, 100 Jahre nach der Errettung Friedrich August des Gerechten, auf Initiative Serkowitzer Bürger feierlich enthüllt. Ursprünglich stand er gegenüber des heutigen Standortes, also elbseitig, an der alten Poststraße.
Weiberstein  Das Denkmal erinnert an ein Ereignis, welches sich im Jahre 1784 zutrug und unmittelbarer Auslöser für eine Reihe von für die Lößnitzgemeinden bedeutenden Unternehmungen war.

  Damals war die alte Meißner Post- und Landstraße (heutige Kötzschenbrodaer Straße) die Hauptverbindung zwischen der Residenzstadt Dresden, Meißen und Leipzig. Auf dieser fand etwa seit Ende des 15. Jahrhunderts ein regelmäßiger Post- und auch Personenverkehr mittels Postkutschen statt, weshalb dem Gasthof Serkowitz in dieser Zeit große Bedeutung als Rast- und Übernachtungsstätte zukam.
  In Serkowitz befand sich auch eine Fährstelle, die eine Verbindung zu den linkselbischen Gemeinden Stetzsch, Obergohlis und Niedergohlis, Cossebaude und nach Meißen herstellte.
  Die Elbe teilte sich flußabwärts hinter Serkowitz in drei Elbarme. Um das Jahr 1740 hatte sich vor dem mittleren Strombett ein neuer Elbheger (Insel) gebildet. Dieser drängte die Fluten in den rechten Elbarm ab. Während der linke und mittlere Elbarm immer mehr verflachten, nahm die Strömung im rechten Elbarm stärker zu. Selbst die Schifffahrt mußte in den rechten Elbarm ausweichen. Der Strom nahm von Jahr zu Jahr zunehmend die direkte Richtung auf den Ort Kötzschenbroda.
  Bei Hochwasser, das im Frühjahr oft von Eisgang begleitet wurde, befand sich zwischen dem Ortsausgang Serkowitz und der Flur Kötzschenbroda eine kritische Stelle: Vom Steilufer, auf dem die Poststraße entlang führte, gab es immer wieder Abrisse und Abschwemmungen. Infolgedessen musste die Straße nach Hochfluten mehrmals weiter nördlich in die Felder verlegt und neu befestigt werden. Sie war dann wochenlang gesperrt, zum Beispiel nach den Hochfluten von 1761, 1764, 1771, 1783 und 1784.
  Ein am Fuß der Lößnitzhänge über Trachau entlang führender und in Kötzschenbroda wieder auf die ordentliche Straße kommender Weg, die sogenannte Weinbergstraße, diente als Interimsstraße. Sie war sehr schmal, nur teilweise befestigt und daher recht beschwerlich zu befahren. Häufig wurden die Straßensperrungen umgangen, indem man - zum Ärger der Bauern - einfach auf das Feld auswich.
  Nach dem strengen Winter von 1783 zerstörte Hochwasser mit schwerem Eisgang zwischen dem 29.2. und 4.3.1784 erneut die alte Meißner Post- und Landstraße. Sie wurde auf Verordnung vom 14.4.1784 längerfristig für den Wagenverkehr gesperrt und durch Warntafeln sowie Schranken bei Pieschen und Kötzschenbroda gesichert.

  Die Schranke bei Pieschen wurde während dieser Sperrung entfernt, wodurch eine Jagdgesellschaft mit Kurfürst Friedrich August dem Gerechten in den frühen Morgenstunden des 18. Oktober 1784 weiter in Richtung Kötzschenbroda fuhr. In Höhe des heutigen Gedenksteins verhinderten zwei Bauersfrauen die Weiterfahrt der Kutschen, weil die Straße stark unterspült und von Abriß bedroht war. Die Kutschen konnten nach Norden in die Felder ausweichen, wodurch Kurfürst Friedrich August und seine Begleiter vor einem Unfall bewahrt wurden.
  Die beiden Frauen sind auf dem Denkmal nicht namentlich benannt. In den verschiedenen Chroniken und Legenden gibt es dazu unterschiedliche Aussagen. Nach Recherche in den Kirchenbüchern handelt sich wahrscheinlich um Anna Rosina Schönert (geb. Jacobin) aus Kötitz, die zum Zeitpunkt des Ereignisses noch nicht verheiratet war, sowie Erna Rosina Hecht (geb. Schüffnerin) aus Naundorf. Sie erhielten jede auf Lebenszeit ein jährliches Gnadengeschenk in Höhe von 25 Talern.

  Als unmittelbare Folge des knapp verhinderten Unfalls rügte Kurfürst Friedrich August der Gerechte in einer Verordnung vom 11. November 1784 die mangelhafte Sperrung der Post- und Landstraße und die Verzögerung der Vorarbeiten für die schon lange geplante Verlegung der Straße, "weil er unlängst selbst persönlich in Gefahr gekommen sei." Die vier Kaditzer Bauern, welche die Schranke in Pieschen entfernt hatten, wurden ermittelt und bestraft. Den Straßenmeister Winkler aus Serkowitz, der verantwortlich für die Betreuung der Straße vom Weichbild der Stadt Dresden - etwa in Höhe des Erfurter Platzes - bis Zitzschewig war, ließ man seines Amtes entheben.
  Die Gemeinden Serkowitz, Kaditz und Kötzschenbroda befürchteten durch die geplante Straßenverlegung berechtigterweise, daß ihre Interessen geschmälert würden und wandten sich am 9. März 1785 mit einer Bittschrift an den Kurfürsten, von einer dauerhaften Verlegung der Meißner Poststraße abzusehen und die alte wieder auszubessern. Der Gastwirt Johann Michael Fürste, Pächter der Erbschänke zu Serkowitz, reichte ebenso eine Bittschrift an den Kurfürsten ein, da er durch Anlegung der neuen Straße seine Nahrung verlieren würde.
  Am 6. August 1785 ordnete der Kurfürst Friedrich August den chausseemäßigen Ausbau der Weinbergstraße und die Verlegung der Poststraße nach den Vorschlägen der Regierung mit einem voraussichtlichen Kostenaufwand von 20 263 Talern an.
  Der Gasthof Serkowitz verlor mit der Verlegung der Poststraße sofort an Bedeutung. Seine Eigentümer, die Christian Lehmann`schen Erben, ersuchten deshalb um die Erlaubnis zur Errichtung eines Gasthofes mit der Konzession zum Schänken, Backen und zur Gästebeherbergung an der neuen Straße.
Weiberstein  Die Lehmann`schen Erben verkauften den Gasthof Serkowitz und die zu erwartende Baugenehmigung für den neuen Gasthof 1786 an den Gastwirt Wilhelm Gottlieb Richter aus Kesselsdorf und dieser 1788 das Gelände samt Baugenehmigung an den Bergverwalter Meister Johann Andreas Arnold, den Besitzer der Grundschenke. Dieser erbaute 1788/89 den Gasthof "Zum Weißen Roß".
  Als eine weitere Folge des glücklich verhüteten Unfalls des Kurfürsten wurde in den Jahren 1785 bis 1788 eine Regulierung des Strombettes der Elbe bei Serkowitz und Gohlis unter Leitung einer fachmännischen Kommission durchgeführt. Dabei ließ man die seitlichen beiden Elbarme trockenlegen, den mittleren Elbarm vertiefen und damit wieder schiffbar machen. Die Ortschaften Serkowitz, Gohlis und Kötzschenbroda einschließlich ihrer Fluren wurden durch Erbauen von Dämmen geschützt.

  100 Jahre nach der Errettung Friedrich August des Gerechten, am 18.10.1884, ließen Serkowitzer Bürgern mit ihren Spenden einen Denkstein an der Stelle errichten, an der die alte Poststraße stark unterspült war und ein Unfall des Kurfürsten verhindert werden konnte.
  Mit der Weihe des Denkmals wurde ein Fest für die Schuljugend verbunden, an dem die gesamte Einwohnerschaft von Serkowitz teilnahm. Ursprünglich gab es zwei Entwürfe für einen größeren Denkstein in Form einer Säule. Die Ausführung der Säule scheiterte jedoch an den Kosten.

  Bis 1984 war das Denkmal durch Witterungseinflüsse so abgenutzt und verschmutzt, daß niemand mehr den Sinn des Steines erfassen konnte. Der Initiative von Herrn Bernd Vogtländer, der sich in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Radebeul (Frau Schließer) für die Rekonstruktion und Umsetzung des Denksteines an den heutigen Standort einsetzte, ist es zu verdanken, daß uns das Denkmal bis heute erhalten blieb.
Weiberstein  Ursprünglich war eine totale Erneuerung des Steines vorgesehen. Schwierigkeiten bei der Beschaffung des Sandsteins führten dazu, daß vom Institut für Denkmalpflege schließlich festgelegt wurde, den Stein allseitig um etwa 2 cm abzumeißeln, abzuschleifen, mit neuer Inschrift und einem neu eingeklebten Wappen zu versehen. Diese Arbeiten wurden 1988/89 durch den Hobbysteinmetz Ullrich Große aus Weinböhla im Auftrage des LPG-Frühgemüsezentrums qualitätsgerecht ausgeführt.
  Aus Anlass des 900. Jubiläums der Belehnung des Hauses Wettin mit der Markgrafschaft Meißen wurde der restaurierte Stein am heutigen Standort aufgestellt und am 29.06.1989 feierlich enthüllt. (So geht's weiter >>)

(für den verein: Text Sabine Liebscher, März 2004)
(Quellenangaben:
- Stadtarchiv Radebeul, S 15 - 123 und S 15 - 45
- umfangreiche Fotos und Aufzeichnungen wurden von Herrn Vogtländer zur Verfügung gestellt: Bildnisse Kurfürst Friedrich August III. und Anton des Gütigen, Recherche zu den Namen der beiden Marktfrauen, zwei ursprüngliche Entwürfe der Gedenksäule, Bericht von Ullrich Große über die 1988/89 durchgeführte Rekonstruktion mit Fotos, Bericht und Fotos über die Einweihung im Jahre 1989)
 

 
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